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  Seminar Sommersemester 2000:
"Zensur und Verbote in den
populärkulturellen Medien Deutschlands"
   
 

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  Stefanie Melz 
 


Die Faszination
des Verbotenen


 

 

1. Einleitung

Man kann sagen, daß der Reiz des Verbotenen immer schon vorhanden war; insbesondere die Lust an Grausamkeiten übte zu jeder Zeit eine gewisse Faszination aus. Diese Angstlust ist erst in neuester Zeit ethisch reglementiert. Die Unantastbarkeit des Körpers war nicht immer gewährleistet. Von Gladiatorenkämpfen über Duelle, Schlachten, Folterungen oder öffentlichen Hinrichtungen, Unglücken oder Katastrophen ging immer ein voyeuristischen Reiz aus. Heute holen wir uns den Horror medial ins Haus.

2. Motive im Horrorfilm

Der Horrorfilm gehört zu einem der ältesten Filmgenres; hat die Menschen also schon von den Beginnen des Films an angesprochen. Klassische Filmmotive beschäftigen sich insbesondere mit sogenannten Halbwesen wie Lebende Tote (Geister/Gespenster, Vampire, Zombies) , künstliche Menschen, Tiermenschen, an Körper und/oder Seele deformierte Menschen, Gespaltene Menschen oder mit dem Teufel.

2.1 Der klassische Horrorfilm

In vergleichsweise harmlosen Gespenstergeschichten ("Poltergeist", "Das Geisterschloss") soll der Zuschauer erschreckt werden. Sie spielen oft in einsamen Häusern, die nach Freud die menschliche Seele darstellen sollen. Der Mensch ist hier nicht Herr in seinem eigenen Haus, wird von Wesen verfolgt, die ihren Frieden nicht gefunden haben.

Im Motiv des Triebwesens Vampir ("Nosferatu", "Dracula") vereinigen sich die Grundtriebe Sexualität und Aggression.

Das Motiv des Zombies spiegelt die Urangst des Menschen vor totaler Unterwerfung unter einem fremden Willen wider, die Angst, seine Persönlichkeit zu verlieren. Zombies werden als seelenlose, scheinbar fremd gesteuerte, grausame Wesen dargestellt. Der willenlose Mensch kommt in Gefahr, von anderen Menschen gefressen zu werden.

Ähnlich wie der Zombie ist der künstliche Mensch ("Frankenstein") seelenlos und mechanisch, nur daß der künstliche Mensch von Menschenhand geschaffen wurde und sich anschließend verselbständigt.

Dahinter steckt der neuzeitliche Wunsch, künstliches Leben zu schaffen. Im Horrorfilm wird davor gewarnt, die Rolle des Schöpfers zu übernehmen.

Die Tiermenschen ("Werwolf") spiegeln alte Vorstellungen wider, sich als Mensch in ein Tier verwandeln zu können. Teilweise wurde dies als Ehre, teilweise als Strafe empfunden. Das Ich wird mit kannibalischen Gelüsten konfrontiert, die Angst vor animalischen Trieben wird auf das Bild des Tieres projiziert. Oft sind die filmischen Tiermenschen mit menschlichen Regungen ausgestattet, verlieben sich sogar und werden schließlich vernichtet. Wie Siegfried Freud sagen würde: "Wo Es (King Kong/Werwolf) war, soll Ich (Zivilisation) werden".

Der deformierte Mensch ("Freaks", "Die unglaubliche Geschichte des Mr. C."). Darstellung von Riesen- oder Zwergwuchs lösen nach W. Stock beim Betrachter Gefühle aus, die das Kindheitsstadium betreffen. Zum einen die Bedrohung von etwas übermächtig Großem, zum anderen das Ausgeliefertsein als etwas Kleines. Andere Deformationen schüren die Angst, nicht Herr seiner selbst zu sein.

Das Doppelgängermotiv ("Dr. Jedyll & Mr. Hyde") spielt auf die Trennung zwischen Ich und Es an. Die Angst, nicht der zu sein, für den man sich hält.

Der Teufel ist die Personifikation des Bösen. Man ist nirgendwo vor ihm sicher ("Rosemaries Baby", "Das Omen").

W. Stock sieht in der Darstellung der unheimlichen Halbwesen ein Spiegelbild unserer selbst. Die Phase des Verlustes seiner Einheit (mit der Mutter) erlebt der Mensch in seiner frühen Kindheit. In dieser Phase ist das Kind ein Halbwesen. Diese Leere muß später ausgefüllt werden. Der Mensch macht also eine Verwandlung mit vom abhängigen Kleinkind zum selbstständigen, gelösten Wesen.

2.2 Der moderne Horrorfilm

Die Motive des modernen Horrofilms haben sich gewandelt und sprechen eher zeitgemäße Ängste an.

Beispielsweise: Die Invasion aus dem All ("Das Ding aus einer anderen Welt", "Die Invasion der Körperfresser") Das Motiv entstand aus der Angst vor dem Kommunismus in den 40er Jahren. Hier geht es um die Schaffung eines Feindbildes, das vernichtet werden muß.

Auflehnung von Natur und Technik gegen den Menschen ("Flammendes Inferno"). Dieses Motiv, seit Anfang der 70er Jahre populär geworden, warnt vor der Übermacht der technischen Entwicklung. Die Naturkatastrophe: Hierin enthaltene Botschaften sind die Ideologie eines selbstlosen Führers sowie der Sozialdarwinismus. Diese Filme haben einen faschistischen Hintergrund (einem Führer folgen, um Überleben zu können). Filme, in denen Tiere als Bestien dargestellt werden, zeigen Parallelen zu den Sience Fiction-Filmen der 50iger Jahre, in den Außerirdische die Welt bedrohen. Auch hier stellten sich Helden der Natur entgegen ("Godzilla", "Arachnophobia").

Splatter-Movies ("Kettensägenmassaker", "Freitag, der 13.") In diesen sog. "Blutspritzfilmen" wird die "Bestie Mensch" mit sinnloser Grausamkeit dargestellt. Mit der gleichen Brutalität, mit der abgeschlachtet wird, rächen sich die oder der Überlebende. Gewalttaten werden in unmittelbarer Direktheit dargestellt, Blut spritzt, Köpfe rollen, es wird zersägt, aufgeschlitzt, ausgeweidet... Die Filme erfreuen sich seit Mitte der 70er Jahre einer besonderen Beliebtheit und besitzen einen No-Future-Charakter.

3. Medien und Gewalt

Im Bereich der Medien kommt es zu einer Gewöhnung. Wir bekommen (fast) alles geboten. Mit der Zeit entsteht eine Art Leere und etwas Neues muß uns geboten werden. In neuester Zeit kommt es daher vermehrt dazu, in Extreme zu gehen. Insbesondere sex & crime scheint eine spezielle Anziehung auszuüben. Es ist zu beobachten, daß vorwiegend Gewalt (Machtausübung) gegenüber Frauen dargestellt und konsumiert wird. Die Lust am Grauen scheint eine "archaische, tiefverwurzelte, allgemein-menschliche" zu sein. Bei vielen löst Gewalt und Horror eine Mischung aus Entsetzung und gleichzeitger Faszination aus.  Insbesondere Jugendliche scheinen sich besonders davon angezogen zu fühlen. Die Ursprünge hierfür sieht W. Stock in älteren psychoanalytischen Konzepten des Jugendalters. Er beruft sich hier auf Anna Freud (1984), die den Jugendlichen als egoistisch und mittelpunktfixiert, andererseits aber als opferbereit analysiert hat. Der Jugendliche ist nach A. Freud wechselhaft, leidenschaftlich und rücksichtslos, materiell und ideell gesinnt. Diese extreme Gegensätzlichkeit bringt sie mit einem schwachen Ich in Verbindung. So könnte man im Zusammenhang mit dieser Debatte zu dem Ergebnis kommen, daß Jugendliche grundsätzlich gerne Extreme überschreiten, so auch die Lust am Grausamen, am Verbotenen u.s.w.  Andere Autoren beziehen die Faszination des Horrors auf die Machart der Filme, die unterschwellige Botschaften enthalten, die die Jugendlichen ansprechen, z.B. die Ablösung von der Mutter oder die Identifikation mit dem Täter, der Macht ausübt. Eduard Spranger (1979) stellte fest, daß sich die Lust am Grauen insbesondere auf Unterschicht-Jugendliche bezieht, die sich unreflektierter mit Medien-Inhalten auseinandersetzen als solche aus den höheren Schichten. Ausschlaggebend hierfür soll die "Entdeckung des Ichs" sein. Insbesondere bei Jugendlichen scheint eine Notwendigkeit zum Brechen von Tabus zu bestehen. Hierzu gibt es nur noch wenige Gelegenheiten, da medial eigentlich alles - außer eben die Extremebereiche - abgedeckt ist. Nach Ansicht von Jugendlichen ist Fernsehen etwas für alte Leute und Kinder - wovon sie sich verständlicherweise abgrenzen wollen.  Der Konsum von Splatterfilmen kann heutzutage unter Jugendlichen auch als Mutprobe verstanden werden, wie früher z.B. nächtliche Friedhofbesuche o.ä. Zu unterscheiden sind darüberhinaus aktive und passive Reise (Erich Fromm). Offensichtlich benötigt der Mensch ein gewisses Maß an Stimulation. Dies kann zum einen durch einfache, direkte Reize (sexuelle) oder "aktivierend Reize", mit denen man sich beschäftigen muß, passieren. Konsum von Medien hat eher einen passiven Charakter. Je einfacher der Reiz ist, desto schneller ist der Stimulus verflogen. Zu einer Sucht kommt es dann, wenn man Realität und Fiktion nicht mehr zu unterscheiden weiß, sich mit fiktiven Figuren identifiziert, weil das eigene Leben nicht mehr interessant genug erscheint. Mit gesellschaftlichen Veränderungen ändern sich auch die medialen Angebote. Z.B. fällt die Erfindung des Splatter-Films (1968) in eine Zeit, in eine Zeit von Doppelmoral und Jugendprotesten. Mit der Darstellung von Sex und Gewalt wurde zu dieser Zeit schockiert und Protest ausgedrückt.

4. Mediale Gewalt / Reale Gewalt

Es gibt Thesen, die besagen, daß aggressive Personen gerne aggressive Medieninhalte konsumieren, um sich zu identifizieren und um ihre Normalität bestätigt zu wissen. Die Verantwortung für das eigene delinquente Verhalten kann dann abgeschoben werden. Als besonders interessant erweisen sich Fälle, in denen mediale Gewalt offenbar als Auslöser für reale Gewaltaten zu dienen schien. Z.B. ermordeten zwei englische Teenager ein zweijähriges Kind. Die Tat wurde mit dem Horror-Video "Chucky Child´s Play 3" in Verbindung gebracht. Drei französische Jungen, die 1993 einen Clochard totschlugen mochten Actionfilme. Drei deutsche Satanskult-Anhänger erdrosselten einen Mitschüler, nachdem sie den Horrorfilm "Tanz der Teufel" gesehen hatten. 1996 ging ein 14jähriger mit einer Axt auf Cousine und Nachbarin los, was mit dem Konsum des Horror-Films "Freitag der 13." in Verbindung gebracht wurde. In diesem Fall wurde auch der Onkel der Jungen bestraft, der ihm die indizierte Videos ausgeliehen hatte. Der Junge selbst erhielt Strafminderung, da ein "suchtartiger" Einfluß der Horrorvideos juristisch eingeräumt wurde. Ein besonderer Fall war auch der 1977 geführt Prozess gegen einen 15jährigen, der eine Rentnerin ermordet und ausgeraubt hatte. Vor Gericht wurde argumentiert, der Junge wäre unschuldig, da er durch den Fernsehkonsum dieses Verhalten als etwas Normales suggeriert bekommen hätte. Für ihn sei das Drücken eines Revolverabzugs nicht schlimmer als das Töten einer Fliege. Er handele fremdbestimmt, indem er praktisch das Skript eines Fernsehfilms nachgespielt hätte. Man könne ihm also die Verantwortung für die Tat nicht aufbürden.1999 liefen zwei Teenager in einer amerikanischen Schule Amok und töteten 15 Menschen. Ihr "Vorbild" sollte das Videospiel "Doom" sein. Außerdem mochten sie Filme wie "Reservoir Dogs" und Nazi-Musik. Kurz darauf erstach ein 15jähriger Schüler seine Lehrerin in einer Meißener Schule. Danach häuften sich Fälle von Drohungen und Mordplänen an deutschen Schulen.

4.1 Thesen zum Konsum von Gewalt und möglichen Auswirkungen

Der Psychologe Paul Messerschmitt argumentiert: "Kinder werden dazu erzogen, im Fernsehen gesehene Bilder von Mord und Gewalt zu banalisieren. Sie verwechseln dann Realität und Film". Der Soziologe Wolfgang Sofsky (1996) geht aus von einer stets vorhandenen Latenz der Gewalt, von einer Faszination am Bösen und einer reizvollen Schaulust. Seiner Ansicht nach gibt es den Unbeteiligten, der soviel weiß, wie er wissen will, und den Interessierten, den der Nervenkitzel des Ungewöhnlichen, die Angstlust der Gewalt, die Aussicht auf ein Spektakel der Barberei reizt. Während der Voyeur sich raushält, wiegelt der begeisterte Zuschauer auf. Dazwischen scheint es aber wenig Spielraum zu geben.  Allerdings ist eine Abscheu vor Gewalt erst in neuester Zeit zu beobachten. Andererseits ist mediale Gewaltdarstellung mittlerweile zur Alltäglichkeit geworden. Man geht davon aus, daß diese aber nicht die Ursache, sondern höchstens der Auslöser für reale Gewalt ist. Eine größere Rollen spielen persönliche Probleme im sozialen Umfeld. Nach Gabriele Meierding ("Psychokiller", 1993) geht von Serienkillern eine Art Faszination aus. Die Perversion ihrer Taten wird mit einer Mischung aus Entrüstung und Lüsternheit wahrgenommen, da Perversionen oft sexuell attribuiert werden. Die Umwelt reagiert daher teils mit Ekel, teils mit Schaulust. Der sadistische Mörder nimmt dem Schaulustigen seinen eigenen Sadismus ab. Die eigenen Triebe werden projeziert; in der Phantasie kann man sie ausleben. Nach dem Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch werden durch die Taten eines Sadisten die eigenen Phantasien angeregt, die sich ein Ventil schaffen können im Dienste von Strafe und Vergeltung zur Wiederherstellung der Ordnung statt der eigenen Lüste. Durch negative Projektion auf einen Sündenbock befreien wir uns vom Verbotenen. In der Phantasie kann Verbotenes real werden. In Lynchjustizfällen übertreffen die Rachephantasien der Bürger an Grausamkeit oft die tatsächlichen Taten des Täters.

5. Theorien zur Lust am Verbotenen

Nach Peter Widmer ("Die Lust am Verbotenen", 1991) ist etwas umso reizvoller, je verbotener es ist. Verbot steht im Zusammenhang mit Überschreitung. Das Verbotene tritt an die Stelle des Unmöglichen. Schon zu Anfang der menschlichen Geschichte wurde durch Adam und Eva ein Verbot überschritten. Hier scheint der Wunsch oberhand zu gewinnen, dadurch Befriedigung zu erlangen, etwas besonders Begehrenswertes zu erhalten. Die Frage ist, ob Adam und Eva diese Ursünde begingen, um mehr oder weniger (einen Mangel) zu erhalten. Da auf das überschrittene Verbot die Strafe folgt, wird hier in Gut und Böse differenziert. Das Vollkommene scheint langweilig zu sein. Da das Verbot - im Vergleich zum Gebot - nicht empfiehlt sondern befiehlt, schränkt es die eigene Entscheidungsfreiheit ein. Ein Verbot wird nicht als Schutz, sondern als Machtausübung empfunden. Verbote lassen sich in inhaltliche und formale unterscheiden. Inhaltlich fordert es Vernunft und Einsicht. Formal verlangt es einen Akt des Gehorsams. Beide Ebenen überkreuzen sich. Durch das Überschreiten eines Verbotes ist man selber wieder in der Lage, Macht auszuüben, indem man verweigert und durch seine Handlung provoziert. Werden keine Verbote ausgesprochen, ist zu beobachten, daß nach der Konfrontation mit Regeln, Verboten, Vorschriften regelrecht gesucht wird, um einem willkürlichen, undefinierten Zustand zu entgehen. Heutzutage werden ständig Grenzen überschritten; das Unmögliche - beispielsweise neue technische Entwicklungen - gehören zum Alltag. Wir gewöhnen uns daran. Weitere Grenzüberschreitungen sind die Lüge, die Zerstörung - von Kriegen bis hin zur Zerstörung der Natur - die in der Natur des Menschen zu liegen scheint. Der Suizid, direkt oder schleichend durch "Vergiftung", Dauer-Streß oder das Begeben in Extremsituationen. Auch das Verfallen in eine Sucht gehört zur Grenzüberschreitung. Man konsumiert unersättlich und begibt sich damit in einen Bereich außerhalb des "Normalen". Der Wahnsinn als etwas Krankhaftes, kennzeichnet andererseits etwas Abweichendes oder Intensives außerhalb der Norm. Der Wahnsinn kann sich auch in der Verselbständigung der Phantasie äußern.

5.1 Spielt der menschliche Trieb eine Rolle?

Der Mensch kennt sich selber nicht vollständig. Triebe bleiben ihm vorerst verschlossen. Er hat also eine unsichtbare Seite, die er zum einen kontrollieren und verstehen möchte, auf der anderen Seite diese auch nicht missen möchte. Peter Widmer vergleicht dieses beispielsweise mit der Trotzphase, in der das Kind sich einerseits von der Mutter unabhängig machen will, auf der anderen Seite ihren Schutz sucht. Nach Freud ist der Mensch seinen instinktiven, primitiven Trieben ausgesetzt. In der Gesellschaft muß er diese Triebe unterdrücken. Die Zensur hindert den Menschen daran, seinen Trieb zu realisieren. Das instinktive "Es " wird in der Gesellschaft zum "Ich" sozialisiert. Trieb und Moral stellen sich also gegenüber. Nach Freud soll es eine Art Todestrieb geben. Die Diskussion darum is bis heute nicht beendet. Auch Freud ließ die Frage um "angeboren - erworben", "individuell - gesellschaftlich" offen. Bei dem Zerstörungstrieb soll das menschliche Streben nach einem paradisischen Zustand eine Rolle spielen.  Der Differenzierung von Gut und Böse soll sich nach J. Lacan (1973) im frühkindlichen "Spiegelstadium" (das Stadium der "Menschwerdung", der "Ichkonstruktion") herauskristallisieren. Durch die Wirkung der Sprache auf den Menschen kommt es zu einer inneren Zerrissenheit. Die Menschen vereinzeln sich, begreifen ihre Endlichkeit. Andere Menschen treten an die Stelle des Spiegels. Der Wunsch nach einer heilen Welt, nach Macht oder nach Rückkehr in den Mutterleib kommt auf. Da sich eine heile Welt als Illusion entpuppt, kann es zu einem Hassgefühl kommen. Die jeweilige Mutter-Kind-Beziehung stellt hier ihre Weichen für die spätere Weltanschauung.

6. Innere/Äußere Zensur

Peter Widmer spricht von einer inneren Zensur als verinnerlichte Unterdrückung, die sich auf äußere Bedingungen zurückführen lässt. Hier wird der Mensch selbst zum Moralträger. Innere Zensur schafft die Empfindung, unfrei zu sein.  Das Vorhandensein einer äußeren Zensur lenkt von der eigenen Aggressivität ab, da etwas äußerliches bekämpft werden muß; der Wunsch, sich vom inneren Zensor zu befreien. Gäbe es keine Zensur, käme es zu einer Verwahrlosung. Zensur setzt ein bei sozial bedenklichen Medienangeboten, insbesondere im religösen, juristischen, politischen, moralischen und jugendschützendem Bereich. Bei diesen Verboten wird der Mensch in seiner eigenen Kompetenz beschnitten. Er darf nicht selbst entscheiden, was er konsumiert, es wird im durch die Norm aufoktrojiert. Verbote werden als einschneidend empfunden und annimieren gerade deshalb dazu, sie zu überschreiten. Durch die Überschreitung von Tabus und Gesetzen entsteht ein Gefühl von Stärke und Macht.

6.1 Zensurbefürworter

Während die Darstellung von Sex und Gewalt für die einen eine Form von Freiheit darstellt, sehen die anderen darin einen Verfall von Sitte und Anstand. Geschützt werden sollten insbesondere der soziale Friede, die Jugend, Normen und Werte, Staats-Status quo und innere Sicherheit sowie die Privatsphäre und historische Wahrheiten. Zensurbefürworter verweisen besonders auf die Eindämmung medialer Jugendgefährdung oder Sozialschädlichkeit, eine Verhinderung politischer Destabilisierungstendenzen durch Propagandadelikte sowie den Schutz der Privatsphäre, der Persönlichkeitsrechte und der Meinungen von Minderheiten. Nach Michael Brenner (1996) findet in unserer Gesellschaft "ein Abstumpfungsprozeß gegenüber Gewalt und jeglicher Menschenverachtung statt". Pädagogen haben die Befüchtung, daß es durch den Medien-Konsum zu einer "medieninduzierten Delinquenz" beim (jungen) Konsumenten medialer Sex- und Gewaltdarstellungen" durch das "Lernen am Modell" kommen kann. Solche Nachahmungstäter liefern den Zensurbefürwortern Argumente. Insbesondere Filme und Musik besitzen ein hohes Identifikationspotential und Vorbildcharakter für Jugendliche.

Die Medienwirkungsforschung stellte verschiedene Theorien zum Thema Extremdarstellung bereit. Hierunter finden sich u.a. die

- "Katharsistheorie": Sie basiert auf der Frustrations-Aggressions-Hypothese und schreibt dem Gewalt-Konsum eine reinigende Wirkung zu, die reale Gewalt verhindert. Die These konnte empririsch nicht bestätigt werden.

Eine verminderte Gewaltbereitschaft durch Abfließen der Aggressivität durch das Ansehen aggressiver Medieninhalte erfolgt nicht.

- "Inhibitionstheorie": Bei insbesondere realistischen Gewaltdarstellungen, die die Konsequenzen für das Opfer zeigen, wird eher Angst als Aggression bewirkt. Auch diese Theorie konnte widerlegt werden.

- Die "Habitualisierungstheorie", nach der der längerfristige Konsum zu einer Gewöhnung, zu Abstumpfung führt

- Die "Nachahmungstheorie" (Lerntheorie), in der davon ausgegangen wird, daß insbesondere Minderjährige am Vorbild lernen.

Man muß davon ausgehen, daß hier individuelle Einflüsse wie Geschlecht, Alter, Bildung oder soziales Umfeld sowie spezielle Persönlichkeitsmerkmal mit hineinspielen. Ein Habitualisierungs- und Abstumpfungeffekt läßt sich dennoch tatsächlich feststellen.

6.2 Zensurgegner

Medienfreiheit sowie selbstbestimme Mündigkeit der Rezipienten sind die Argumente der Zensurgegner. Sie fühlen sich durch Tabus und Verbote in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt. Der Berliner Regisseur Jörg Buttgereit meint zum Thema: "...der Film bietet die zivilisierteste Form von Sensationslust, die man haben kann". Nach Horkheimer/Adorno (1988) ist nur die Übertreibung wahr: "Das glückliche Dasein in der Welt des Grauens wird durch deren bloße Existenz als ruchlos widerlegt". Der Filmwissenschaftler Amos Vogel: "Es ist niemals das Bild, das zu weit geht, sondern immer nur die Realität." Der Kunstwissenschaftler Hans D. Baumann (1989): Die christliche Kirche, die "einen großen Teil der menschlichen Tätigkeitsbereiche, die lustvoll besetzt sind, zu Sünden erklärte", und die Körperfeindlichkeit oder die Wertschätzung erlittener Märtyrerqualen Vorstellung von Lust und Gewalt koppelte, ist eines der Hauptargument für die Auseinandersetzung mit dem Grauen.  Wenn man auf der anderen Seite bedenkt, daß es zur Normalität gehört(e), Kindern Grimms Märchen vorzulesen, in denen es vergleichsweise ähnlich brutal zugeht wie in zeitgemäßen Horrorfilmen, sieht man, daß es den Kindern offentlichlich nicht geschadet hat. Eine Rolle spielt hier die Fiktionalität, die Distanz, aus der man den Horror betrachtet und die Möglichkeit, sich freiwillig dafür zu entscheiden.

 

   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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