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  Ralf Palandt
   

 

Der
VOLKSWARTBUND


 

   
 

Die Artikel sind im Rahmen des comicologischen Congresses enstanden

Inhalt/ Gliederung:
Der VOLKSWARTBUND
ZUR GESCHICHTE DES VWB
„IM KAMPF UM SITTE UND SITTLICHKEIT“
„DAS SAARLAND DENKT ANDERS“
„SCHUTZ WOVOR?“
ZUR PSYCHOLOGISCHEN FUNKTION ÖFFENTLICHER ENTRÜSTUNG
LETZTES AUFBÄUMEN DER VOLKSWARTE
UND HEUTE?
 

Volkswart Flugblatt

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPS) und die antragsbefugten Stellen brauchen für Ihre Aufgabe, den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor „sozialethisch verwirrenden Schriften“, die Mitarbeit von Teilen der Bevölkerung - und sie bekommen sie.
In den 50er und 60er Jahren tat sich vor allem der Volkswartbund (VWB) hervor, als „Moralwächter der Volksseele“ tituliert (Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Kröner Verlag, erw. 5 Aufl. 1969. S. 838). Allein zwischen 1959 und 1962 leitete er den Innenministerien der Länder 271 Indizierungsanträge zu, die in 91 Fällen Indizierungen bei der BPS nach sich zogen. Daneben stellte er über 700 Anzeigen bei den Staatsanwaltschaften. (Siehe Ott, in: Hg. Dieter E. Zimmer. Die Grenzen literarischer Freiheit. Hamburg: Die Zeit-Bücher, 1966. S. 190) Damals war noch das Bundesinnenministerium die der BPS übergeordnete Behörde, heute ist es das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 

ZUR GESCHICHTE DES VWB 

„Der Volkswartbund konstituierte sich 1927 als privater katholischer Verein als Nachfolgeinstitution des 1898 gegründeten ‘Kölner Männervereins zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit“ mit seinem Organ Der Volkswart (seit 1908). Er überstand die NS-Zeit unbeschadet. Seit 1951 nannte er sich ‘Bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit’, der die Fuldaer Bischofskonferenz ‘vor allem die Wahrnehmung des literarischen Jugendschutzes und die Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit’ übertrug. (...) Der Volkswartbund bezeichnete sich selbst als Initiator des GjS, arbeitete zu Beginn mit mehreren Mitgliedern in der BPS mit, er beobachtete den Buchmarkt und belieferte, da selbst nicht antragsberechtigt, die Innenministerien der Länder mit ausgearbeiteten Indizierungsanträgen, die nur noch unterschrieben weitergeleitet zu werden brauchten.“ (Irene Ferchl in: Hg. Michael Kienzle u. Dirk Mende. Zensur in der Bundesrepublik. München: Heyne Verlag, 1981. S. 265).

Ab 1965 veröffentlichte der VWB die Zeitschrift „Concepte“. Und 1971 wurde er in die „Zentralstelle für Fragen der Sozialethik und Sozialhygiene e.V.“ umgewandelt. 

„IM KAMPF UM SITTE UND SITTLICHKEIT“ 

Dr. Calmes, Vorsitzender des Volkswartbundes, in seiner Schrift zur Jahrestagung im November 1954 in Köln:

„Die Teilnahme des Hochwürdigsten Herrn Kardinals Dr. Frings von Köln, des HH Bischof von Eichstätt, Dr. Schröffer, des HH Weihbischofs Ferche und des HH Geistlichen Beirats Prälat Domkapitular Dr. Lenné sowie vieler hoher Vertreter verschiedener Bundes- und Länderministerien bewiesen die Wertschätzung unserer Arbeit durch kirchliche und weltliche Behörden. (...)

Bischof Schröffer unterstrich die hohe Bedeutung der Volkswartbundarbeit für die Volkssittlichkeit. Er ging vor allem auf die Bedrohung und Gefährdung der Jugend durch öffentliche Unsittlichkeit ein und stellte demgegenüber das ernste Wort von Ärgernis und den Strafen, die Gott selbst dem Verführer angedroht hat. (...)“ (S. 5) 

„Seit der letzten Tagung haben wir daraufhin rund 70 580 Broschüren, die sich zum größten Teil auf die Jugendgefährdung durch die Schund- und Schmutzliteratur und deren Bekämpfung bezogen, gratis versandt.

Besonders die Broschüre von Amtsgerichtsrat Gatzweiler über die Homosexualität, von Dr. Schückler über die Jugendgefährdung durch Comics, und von Staatsanwalt Schilling über das Gesetz über die Verbreitung jungendgefährdender Schriften in der Praxis haben viel Widerhall gefunden.

Vor allem die Broschüre von Dr. Schückler hat bewirkt, daß nicht nur die Aufmerksamkeit vieler Tausender auf die jugendgefährdenden Comics gerichtet wurden, sondern daß auch das Interesse für die Fragen überhaupt in weitesten Kreisen lebendig wurde. Ich möchte auch an dieser Stelle betonen, daß uns die Jugendgefährdung durch Comics augenblicklich mit zu den schlimmsten Gefahren der Jetztzeit zu gehören scheint. Wir freuen uns, daß die Bundesprüfstelle gerade hier mit größter Energie vorgegangen ist und eine Menge solcher Schriften auf die Verbotsliste gesetzt hat.

In diesem Zusammenhang darf ich wohl kurz auf die bisherige Mitarbeit der Zentrale des Volkswartbundes an der Durchführung des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften eingehen. Von den insgesamt 115 Schriften, die bis heute auf der sog. Verbotsliste stehen, sind 92 nach § 18 auf die Liste gesetzt worden, das heißt, sie waren schon nach § 184 StGB durch Staatsanwaltschaft und Gerichte als unzüchtig erklärt und sind dann automatisch auf die Verbotsliste gesetzt worden.

Daneben stehen 27 Schriften auf der Liste, die entweder vom Bundesinnenministerium oder von Landesjugendbehörden an die Bundesprüfstelle eingereicht worden sind. Von diesen 27 sind 11 durch den Volkswartbund entweder an das Bundesinnenministerium oder an die Landesjugendbehörde in Düsseldorf eingereicht worden. Weitere 25 sind von uns ebenfalls an diese Stellen geleitet worden und harren der Bearbeitung.

Hier ein prinzipielles Wort zu unserer Praxis: Es wird immer so bleiben, daß der katholische Volksteil in der Bundesrepublik bei der Verfolgung der Schund- und Schmutzliteratur sich auf den Volkswartbund verläßt. (...)“ (S. 7) 


„DAS SAARLAND DENKT ANDERS“
   

Im Juni 1959 veröffentlichte der Volkswartbund die Broschüre „Das Saarland denkt anders - Tatsachen und Perspektiven zur Bekämpfung unterwertiger Literatur“ (Schriftleitung: Friedrich Weyer) der Autoren Dr. Claus Ludwig Laue und Dr. Sepp Heintz, mit der Forderung nach einer strengeren Neufassung des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften. 

Im Vorwort heißt es:

„La. - Die vorliegende Arbeit soll ihrem Sinn nach nicht eine Polemik gegen das derzeitige bundesdeutsche ‘Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften’ (GjS) sein; sie beinhaltet aber auf der anderen Seite sehr wohl eine Kritik an der geringen Wirksamkeit dieses Gesetzes und verzichtet deshalb nicht darauf, das anerkannt erfolgreichere saarländische ‘Gesetz Nr. 378 zur Bewahrung der Jugend vor Schmutz und Schund’ in allen seinen Auswirkungen gegen das derzeitige GjS abzugrenzen. (...)

Es ist wohl zu beachten, daß dieser Schrift keine putschistische Tendenz innewohnt, sie will vielmehr auf die Möglichkeit demokratischer Einsicht und Überlegenheit hinweisen. Was aber vielleicht als ihre Kampfpotenz angesehen werden kann, ist auf jeden Fall die Abwehrbereitschaft der saarländischen Bevölkerung gegen unterwertiges Schrifttum und ihre Entschlossenheit, das weniger wirksame GjS nicht gegen das Gesetz Nr. 378 einzutauschen. (...)“ 

Im Gegensatz zum GjS (vom 9. 6. 1953) nennt das saarländische Gesetz Nr. 378 (vom 7. 7. 1953) neben Verbreitungsbeschränkungen auch Verbote. Ein Totalverbot bestimmter Druckschriften, das auch ein Herstellungsverbot beinhaltet, sei lediglich konsequent, da von ihnen zweifache Gefährdung ausgehe:

„Einmal die ausdrücklich, deutlich und sehr breit dargestellte zustimmende Wiedergabe von gesetzeswidrigen Verhaltensweisen, die Verherrlichung von Brutalitäten, sexuellen Abartigkeiten, falschen Rechtsbildern, desorientierenden Vorstellungen von Gesellschaft, Autorität, Arbeit usw., kurz also das, was allgemein und offensichtlich als jugendgefährdend bezeichnet wird.

Zudem ginge von der „unterwertigen Literatur“ die Gefahr einer formalen Minderwertigkeit aus, die sich in der schlechten Beeinflussung der Sprache und des Denkens jugendlicher Leser ausdrückt. Primitiv-Sprache, Gassen- und Ganoven-Jargon, unzureichende Orthographie und Grammatik sowie eine rezeptmäßig aufgebaute Story sind hier kennzeichnend.“ 

Für die Autoren ergibt sich daraus, daß die sogenannte Schundliteratur „nicht als ‘Presse’ im Sinne des Art. 5 Abs. 1 GG angesehen werden kann; denn man wird schlecht sagen können, daß derartige Schriften im öffentlichen Interesse und in öffentlicher Funktion hergestellt werden“. 

Desweiteren sieht das saarländische Gesetz neben der „sittlichen“ Gefährdung Jugendlicher, im GjS benannt, darüberhinaus auch eine Gefährdung der „geistigen oder gesundheitlichen Entwicklung“ Jugendlicher: 

Der Volkswartbund konstatiert, daß Gefährdungen, „die von der unterwertigen Literatur ausgehen, sich zwar weitgehend auch gegen den zutreffenden Aufbau einer richtigen Geschlechtsmoral richten, daß dieser Gefährdung aber viel stärker eine Gefährdung der Bildungsmöglichkeit richtiger Urteilsmaßstäbe für die Begriffe Recht, Rechtlichkeit, ordentliche Strafverfolgung, geordneter Strafvollzug, Gesellschaft, gesellschaftliche Verantwortung, soziale Verpflichtung, Achtung eigenen oder mitmenschlichen Lebens, Respekt vor dem Alter, Respekt für Kulturleistungen, Staat, Gemeinde, Behörde jeder Art, Geld und Eigentum zur Seite steht“. 

Laut Volkswartbund sehen Gefährdungen in der Praxis wie folgt aus:

„Es waren im Laufe der vergangenen 6 Jahre in erster Linie Sexualaufklärungsbücher, die wegen ihrer verzerrenden Einflusses auf gediegene Urteilsschemata Jugendlicher indiziert wurden. Ebenso waren die Comics oft genug mit dieser Regelung zu fassen.

Nach den ersten Comic-Reihenverboten der Jahre 1953 und 1954 - alle nach § 1 Abs. 1 - trat eine deutlich sichtbare Besserung der Produktion insofern ein, als die Häufung und Detaillierung der Brutalitäten und Sexualitäten vermindert wurden. Was jedoch kaum verändert wurde, war die unglaubliche Primitivität der Bilder, der Bildfolgen und, damit verbunden, der Story, die weiterhin - und das ist das Wesentliche - auf der Darstellung von Gewalt als herrschendem Gesellschaftsprinzip stehenblieb.“ 

„SCHUTZ WOVOR?“ 

Für die Streitzeitschrift (SZS) Ausgabe VII/1 zum Thema „Pornografie - Dokumente, Analysen, Fotos, Comics“ (Hg. Horst Bingel. Frankfurt a.M.: Heinrich Heine Verlag, 1969) führte Henrik M. Broder mit Dr. Friedrich Weyer vom VolkSwartbund das folgende Interview: 

Friedrich Weyer, Henrik M. Broder: Schutz wovor?

Interview 

Dr. Friedrich Weyer ist Generalsekretär des Volkswartbundes e.V., bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit.
Paragraph 2 der Satzung dieses Vereins lautet: „Zweck des Vereins: 1. Der Volkswartbund verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke im Sinne der Gemeinnützigkeitsverordnung vom 24. 9. 63. Er hat im Rahmen der Volkssittlichkeit insbesondere die Aufgaben: a) Erziehung und Volksbildung, b) Jugendfürsorge und Jugendschutz, c) die öffentliche Gesundheitspflege nach katholischen Grundsätzen zu fördern. 2. Der Volkswartbund sucht seine Aufgaben durch geeignete Maßnahmen zur Bildung der öffentlichen Meinung zu erfüllen.“ 

Herr Weyer, wovor schützt der Jugendschutz?

Der Jugendschutz will in erster Linie Hilfe bieten und aus dieser Hilfe heraus einen Schutz ermöglichen, einen Schutz der Jugend vor übergreifenden sozialschädlichen Einflüssen. 

Aus welchen Bereichen kommen diese sozialschädlichen Einflüsse?

Man kann darunter gewiß all die Einflüsse verstehen, die das Erziehungsziel zur sozialen, gesellschaftlichen Tüchtigkeit hin bedrohen und erschweren. 

Die Erziehung zur gesellschaftlichen Tüchtigkeit könnte aber auch eine Konfrontation mit dem sogenannten Schmutz einschließen, mit dem jeder Mensch in seinem Leben fertig werden muß.

Unbedingt. Der Jugendschutz versteht einen Teil seiner Aufgabe gewiß auch so, daß er sich mit dem Schmutz der Gesellschaft auseinanderzusetzen hat, um eben das gesteckte Ziel zu erreichen. 

Nun sind aber nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene gegenüber diesem Schmutz anfällig.

Man darf dazu gewiß hoffen, daß der Erwachsene eine entsprechende Mündigkeit und Selbständigkeit mitbringt, um mit den ihn betreffenden Gefährdungsmomenten persönlich fertig zu werden. 

Was Jugendliche gefährdet, ist nach landläufiger Meinung meist sexueller Natur. Warum eigentlich?

In erster Linie würde ich meinen, muß man unter dem Gedanken der Jugendgefährdung sehen, was zur Ausbeutung und Manipulation des jungen Menschen beitragen kann. 

Aber diese Ausbeutung findet ja nicht nur im sexuellen Bereich statt.

Gewiß, ein sich aktuell verstehender Jugendschutz wird auch andere Aspekte in seinen Aufgabenkatalog mitaufnehmen und entsprechend berücksichtigen müssen. 

Wo liegen aber die Schwerpunkte ihrer Arbeit?

Der Volkswartbund befaßt sich unter dem Gedanken des Jugendschutzes in erster Linie mit der literarischen Variante dieses Arbeitsgebietes. Er versucht, mit seinen Möglichkeiten, dazu beizutragen, daß Schmutz und Schund, unzüchtige Schriften und ähnliches mehr in den Maschen der Gesetze gefangen werden. 

Herr Weyer, was ist unzüchtig?

Zu dieser Frage hin haben kluge Leute dicke Bücher geschrieben, es wird sehr schwer sein, sie mit wenigen Worten zu beantworten. Ich würde von mir aus sagen: Unzüchtige Schriften sind solche, die in ärgerniserregender, grober Weise das Schamgefühl Dritter verletzt. 

Sind die Publikationen, die Woche für Woche am Kiosk hängen und den Leuten eine Illusionswelt vermitteln - sind diese Publikationen unzüchtig?

Würde man heute die Kategorien, die vor zehn Jahren zu diesem Aspekt hin Gültigkeit gehabt haben, bei der Beurteilung von marktgängigen Schriften anlegen, würde man eine große Zahl von unzüchtigen Schriften am Kiosk finden. Das, was unzüchtig ist, hat sich gewandelt. 

Meinen Sie, daß der Begriff der Unzüchtigkeit liberalisiert wurde?

Genau. Der literarische Jugendschutz hat es mit mehreren Kategorien von jugendgefährdenden Objekten zu tun. Da gibt es einmal jugendgefährdende Schriften, die die Bundesprüfstelle nach einem entsprechenden Verfahren zur Indizierung bringt. Da gibt es offenbar jugendgefährdende Schriften, die so gravierend jugendgefährdend erscheinen, daß in einem Schnellverfahren die Bundesprüfstelle ihr Urteil mit einer kleineren Besetzung fällen kann, da gibt es schließlich offensichtlich schwer jugendgefährdende Schriften, die, ohne daß es einer Indizierung bedarf, gewissen Vertriebsbeschränkungen unterliegen müssen. Schließlich gibt es die Gruppe der unzüchtigen Schriften, die automatisch auch als jugendgefährdend angesehen und in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen werden. 

Es gibt bislang keine zuverlässige wissenschaftliche Untersuchung darüber, was Jugendliche gefährden kann. Ist das nicht ein Mangel?

Das stimmt. Wir selbst, die wir hier in dieser Arbeit stehen, haben das seit Jahren bedauert und haben uns selbst veranlaßt gesehen, unseren eigenen Beitrag zur Erhellung des Problems zu geben. Es ist ihnen vielleicht nicht unbekannt, daß wir kürzlich eine Schrift herausgegeben haben, die gerade auf diese Fragen hin Fakten und Faktoren darstellen wollte, um - sei es das nur - Wissenschaftlern Mut zu machen, sich dieses Themas mit allem Ernst und dringender Notwendigkeit anzunehmen. 

Ihre Untersuchung faßt das Problem an, aber sie liefert keine signifikanten Hinweise auf eine Gefährdung Jugendlicher durch das jugendgefährdende Schrifttum.

Ich würde meinen, daß im Detail dieser Arbeit doch einige Hinweise stecken, die deutlich machen, wo die besonderen Bedrohungsmomente des jugendgefährdenden Schrifttums auf junge Menschen hin liegen, so daß zumindest, meine ich, die pädagogische Erfahrung bestätigt wird, die in dem Satz gipfelt: Sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist. 

Man macht dem Jugendschutz häufig den Vorwurf, er sei eine Art Zensur, die auch für Erwachsene gelte.

Ich glaube, das ist eine Zwecklüge. Wir haben erlebt, daß eine Schrift, die als unzüchtig oder als jugendgefährdend in die Gerichtspraxis hineingegeben worden ist, in besonderer Weise bekannt wurde und in unangemessener Weise sogar einen Verkaufserfolg gefunden hat. 

Das liegt aber nicht an der Praxis des Jugendschutzes, sondern an der mangelnden Effizienz des Indizierungsverfahrens, ich meine, das kann den Vorwurf einer eventuellen Zensur nicht entkräften.

Das möchte ich bestreiten. Wenn man bedenkt, daß in die Bundesprüfstelle, die keinerlei Weisungen unterliegt, die die Pluralität unserer Gesellschaft in sich widerspiegelt und zu ihrem Urteil findet, das dann wiederum auf dem Verwaltungsgerichtsweg in mehreren Instanzen angefochten werden kann, so möchte ich doch meinen, daß hinreichend Sicherheit gegeben ist, daß eine Zensur und auch nur die Absicht dazu unmöglich gemacht wird. 

Es werden viele ausländische Titel indiziert. Der Vorsitzende der Bundesprüfstelle, Herr Jungeblodt, hat erklärt, es sei die Aufgabe des Jugendschutzes, präventiv zu wirken und vorbeugend die Kanäle zu verstopfen, aus denen Pornographie kommen könnte. Schließen Sie sich dieser Meinung an?

Grundsätzlich, glaube ich, ist das richtig gesehen, daß jede Schutzfunktion sich mit Präventivmaßnahmen befassen muß. Inwieweit dieses Prinzip aber in die Praxis der Bundesprüfstelle hineingeht, ist meines Erachtens eine offene Frage. 

Wie sollte der Jugendschutz optimal aussehen?

Ein optimaler Jugendschutz müßte im Bewußtsein aller, die in einer Demokratie Verantwortung tragen, verankert sein. Ein optimaler Jugendschutz müßte zu einem Anliegen aller gesellschaftlichen Gruppen werden und all derer ... Die derzeitige Praxis des Jugendschutzes könnte allerdings erheblich verbessert werden, wenn die Behörden und alle die, die sich mit der Durchführung der Gesetze beauftragt sehen, kontinuierlicher und zutreffender ihre Arbeit wahrnehmen würden. 

Wie verstehen Sie die Arbeit des Volkswartbundes im Hinblick auf die Entscheidungen der Gerichte?

Es ist für den Volkswartbund sehr, sehr wichtig, die Urteilspraxis der entscheidenden Gerichte, das ist hier das Bundesverwaltungsgericht, das ist hier der Bundesgerichtshof und das ist hier gewiß auch die Bundesprüfstelle, wenn ich sie als Gericht überhaupt ansprechen darf, zu kennen und zu berücksichtigen. Der Volkswartbund, das will ich damit sagen, ist also notgedrungen und notwendigerweise auf die Aktualität hin angelegt und angewiesen, um überhaupt seine Funktion wahrnehmen zu können.

(Interview Ende) 

ZUR PSYCHOLOGISCHEN FUNKTION ÖFFENTLICHER ENTRÜSTUNG

 Die überzogene Geiselung „unterwertiger Literatur“ provozierte Häme:

„Es ist manchmal fast rührend mitanzusehen, wie Sittenwächter oder radikale politische Gruppen oft wochenlang herumirren, bis sie - glücklich - etwas zu finden, wogegen zu protestieren es sich verlohnt. Sie wollen ja ernst genommen werden, auch sich die Selbstachtung erhalten, indem sie ihr Entrüstungsbedürfnis nur auf Ziele richten, die ihnen durch soziale Bedeutung selber zur Ehre gereichen. Kurzgeschürzte Mädchen anpöbeln - das bringt nur Ärger ein, vielleicht eine Beleidigungsklage. Aber gegen ‘öffentliches Ärgernis’ einen ‘Volkswartbund’ mobilisieren, das rückt einen selber beinahe ehrenvoll ins öffentliche Leben.“ (A. Plack. Ohne Lüge leben. Heidelberg 1976. S. 110) 

                       

LETZTES AUFBÄUMEN DER VOLKSWARTE

 Im Juni 1964 war es wieder mal so weit: Der Volkswartbund schritt ein: Die Auslieferung des Juni-Hefts wurde in Köln verweigert. PARDON reagierte schnell. Das Heft mit der satirischen Titelgeschichte über Deutschlands Mädchen ‘im Bette unbesiegt’, erschien in Köln als Sonderausgabe. Mit Blasen und Balken über allen unschamhaften Worten und Körperteilen. Ja, und da haben sie dann dumm geschaut, die gesammelten Prälaten und Staatsanwälte Kölns, die sich auf all das (seinerzeit noch so rare) schöne Fleisch gefreut hatten. War nix. Pinsel drüber. Von diesem Schlag hat sich der Volkswartbund nie wieder so recht erholt.“

(PARDON 9. Jg. Heft 12, Dezember 1970. Jubiläumsbeilage S. 7) 

 UND HEUTE? 

Zwar ist es in den letzten Jahren um den VWB bzw. seiner Nachfolgeorganisation sehr ruhig geworden, doch ein Blick hinter die Kulissen der Indizierungspraxis zeigt, daß es noch immer Vereine und Einzelpersonen gibt, die als selbsternannte Sitten- und Moralwächter den Indizierungsantragsbevollmächtigten zuarbeiten - im Guten wie im Schlechten.  

So veröffentlichte yahoo am 2. August 2000 folgende Nachricht mit der Schlagzeile: „Bleibt die Bibel jugendfrei?“:

Mit dem Argument, es gebe "in der gesamten Weltliteratur keine menschenverachtendere und blutigere Schrift" als die Bibel, forderten drei Familien aus dem unterfränkischen Marktheidenfeld in einem 19-seitigen Bittschreiben an die Bundesfamilienministerin Christine Bergmann, das Buch der Bücher als jugendgefährdend einzustufen. Die Bibel verherrliche die Ausrottung Andersdenkender und die Hinrichtung von Ehebrechern, Homosexuellen und Wahrsagern als gottgewollt. Das Bundesfamilienministerium wies am Mittwoch, 2. August 2000, den Antrag ab. 

Bei vielen anderen Büchern, Comics und Filmen verfahren die Jugendämter, Familienministerien und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ganz anders.

Berechtigerweise?

 

 

   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 
 
 

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