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    Texte zum Thema Zensur
    aus den Seminaren 2000/2001
    Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen
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Herzlichen willkommen auf der Website mit einigen Ergebnissen unseres Hauptseminars:

"Zensur und Verbote in den populärkulturellen Medien Deutschlands"

das im Sommersemester 2000 am Institut für Soziologie der Universität Münster unter Leitung des Lehrbeauftragten Dr. Roland Seim M.A. stattfand.

Projektskizze:

Wir leben in einer globalisierten Mediengesellschaft, in der scheinbar eine grenzenlose Freiheit herrscht. So wird der Begriff Zensur eher mit totalitären Herrschaftssystemen assoziiert.

Da allerdings auch eine pluralistische Demokratie die Mittel der Einschränkungen von Äußerungsfreiheiten erachtet, haben wir uns einige Fragen über diese Diskrepanz gestellt, z.B.: Welche Medieninhalte unterliegen auch heute noch Restriktionen, wie arbeiten die Zensurbehörden, warum wird Vieles noch heute verboten oder indiziert, wie wirken sich Zeitgeist und Wertewandel auf die variablen Grenzen des Erlaubten aus, was fasziniert am Verbot, und gibt es Alternativen zur Zensur?

Auf diese und andere Fragen versuchen die Studierenden in ihren Beiträgen soziologisch fundierte Antworten zu finden. Schauen Sie selbst, inwieweit ihnen das gelungen ist.

Über Ihr Feedback (Messageboard!) und Anregungen würden wir uns sehr freuen!

Alle an weiteren Details Interessierten möchte ich auf die illustrierten Katalogbücher "Ab 18" - Band 1 und 2 (Hrsg. Roland Seim, Josef Spiegel) sowie auf meine Dissertation "Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen" hinweisen. Zu diesen Büchern finden Sie einige Informationen auf unserer Website.

Einführung:

Zensur ist ein Thema von stetiger Aktualität: sei es das von islamischen Fundamentalisten noch unlängst erhöhte 'Fatwa-Kopfgeld' gegen den Schriftsteller Salman Rushdie, seien es die Menschenrechtsverletzungen in China oder überhaupt die schlechte Bürgerrechtsituation in vielen Länder - Zumeist wird das Phänomen Zensur nur mit totalitären Regimen in Verbindung gebracht und gemeint, solche Fälle gegen die Meinungsfreiheit fänden weit weg statt und gingen uns nichts an.

In der Tat zeigt sich die Situation der Äußerungsfreiheiten in Deutschland im internationalen Vergleich relativ günstig, auch wenn einige Amerikaner uns bezüglich der Behandlung der Scientology-Sekte Zensurbestrebungen und sogar Nazi-Methoden unterstellen. Unabhängig von solcher Polemik ist klar, daß es auch in einer Demokratie vielfältige Formen von Vor- und Nachzensur sowie von Selbstzensur gibt. Bis heute zeigt sich die Kollision von Kunst-/Meinungsfreiheit etwa mit dem Jugendschutz, dem Schutz der Ehre (aktuell etwa der Soldaten durch die geplante "Lex Bundeswehr") und zahlreichen Paragraphen des Strafgesetzbuches als eine Gratwanderung. Rund 14.000 Medienobjekte sind durch die Bundesprüfstelle indiziert, über 400 gar gerichtlich verboten, d.h. bundesweit beschlagnahmt und eingezogen.

'Zensur in Deutschland' stellt ein durchaus heikles Thema dar, denn sowohl nach dem Grundgesetz (Art. 5: "Eine Zensur findet nicht statt") als auch in der juristischen Sichtweise existiert hierzulande gar keine Zensur, da offiziell nur eine staatliche Vorzensur unter diese Definition fällt. Und tatsächlich gibt es auf den ersten Blick kein Amt oder keine Behörde, der man das für eine Veröffentlichung gedachte Produkt vorlegen müßte, etwa um einen 'Imprimatur'-Stempel oder eine Freigabegenehmigung zu erwirken. Lediglich die FSK ("Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft") und entsprechende Kontrollgremien wachen auch schon im Veröffentlichungsvorfeld auf die Einhaltung vielfältiger Normen.

Daß diese juristische Begrenzung nur einen Teil der Wahrheit wiedergibt, in der Anspruch und Wirklichkeit oft genug auseinanderklaffen, soll diese Website anhand kursorischer Beispiele seit der Nachkriegszeit verdeutlichen. Die Präsentation basiert auf einem Projekt-Seminar, das ich im Sommersemester 2000 am Institut für Soziologie der Universität Münster veranstaltet habe.

Bereits ein flüchtiger Blick in die Kulturgeschichte zeigt, daß Zensur über Jahrtausende und in vielen Ländern bis heute eigentlich den Regelfall darstellt, denn die Verbotsmotivation der Herrschenden - König und Klerus ebenso wie Adenauer und Amtsgericht -, bestimmte Äußerungen oder Kulturprodukte zu unterdrücken, hat sich eigentlich nur graduell gewandelt. Meines Erachtens führt eine logische Entwicklungslinie vom 1559 geschaffenen, berühmt-berüchtigten "Index librorum prohibitorum" der Katholischen Kirche zum "Gesamtverzeichnis der indizierten Schriften" der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und Medieninhalte" (BPjS) in Bonn. Verlor der "Index Romanus", auf dem sich von Balzac bis Zolá, von Descartes, Heine und Kant bis Sartre zahllose Klassiker der Weltliteratur und Philosophie befanden, 1966 seine kirchenrechtliche Strafgewalt, die bis dahin bei einem Verstoß die Exkommunikation verhängen konnte, so wird der 1954 geschaffene 'Index Germanicus' bis heute im Zeichen des Jugendschutzes ergänzt. Auf dem Index der BPjS finden sich z.B. Werke von de Sade ("Philosophie im Boudoir"), Apollinaire ("11.000 Ruten"), Sacher-Masoch ("Venus im Pelz") oder William S. Burroughs ("Naked Lunch").

Alle Zensurbestrebungen basieren letztlich auf der Angst der Machthaber, daß der jeweilige Status quo und somit ihre Vorzugsstellung gefährdet ist. Unliebsame Informationen können in falsche Hände geraten. Zucht und Ordnung sollen aufrecht erhalten werden, indem Tabubereiche abgesteckt werden, die sowohl von der Obrigkeit und ihren Organen als auch durch die soziale Kontrolle der entsprechend konditionierten öffentlichen Meinung überwacht werden. Die Empfindlichkeiten gegenüber Übertretungen ändern sich je nach sensibilisiertem Zeitgeist. So sind die unterschiedlichen Eingriffe in Medienprodukte nur auf dem historischen Hintergrund der Gesellschaftsentwicklung zu verstehen, denn jede Zeit hat neben den 'all time favourites'-Themen wie Sex, Gewalt, Blasphemie oder Drogen ihre spezifischen Tabus. War es in der Nachkriegszeit vor allem die Erotik, die wie beim Hildegard-Knef-Film "Die Sünderin" gesellschaftlichen und kirchlichen Protest sowie sogar ein kurzfristiges polizeiliches Aufführungsverbot hervorrief, so sollten in den folgenden Jahrzehnten unliebsame Äußerungen zur Politik, Darstellungen von Gewalt oder abweichender Sexualität aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit verdrängt werden. Waren es etwa in den 50er Jahren vorzugsweise Comics, die als 'Schmökerschund' und 'Kinderverblöder' bekämpft wurden, so stellten die Themen 'Sex' und 'Drogen' in den 60er Jahren ein rotes Tuch dar. Durch die Terrorakte der 'RAF' empfindlich geworden, konnten in den 70er Jahren nichtkonforme politische Äußerungen schnell zu Verboten führen. In den 80ern hingegen stellte das neue Medium Video mit der von Presse und Öffentlichkeit hochgepushten Horror-Welle das primäre Feindbild dar, während sich in der aktuellen Dekade der 'Volkszorn' vor allem auf die Themen Kinderpornographie und (Neo-)Faschismus konzentriert. Eine neue Bedrohungsqualität wittert die allerdings weitgehend uninformierte Öffentlichkeit in dem schlecht kontrollierbaren Medium Internet. Insbesondere neue Medien wecken nicht nur den Spieltrieb der 'user', sondern auch den staatlichen Kontrollzwang, wie sich aktuell am Beispiel des Internet nachweisen läßt. Gerade die weitgehend anarchische Struktur dieser revolutionären, grenz- und gesetzüberschreitenden Kommunikationsinnovationen ruft den Argwohn und den Kontrollwillen des Staates hervor, der danach trachtet, Filter einzubauen, um traditionelle Bevormundungsstrategien auch in neuen Technologien verankern zu können.

Liegt die Schwelle des Erlaubten heute zwar zumeist höher, ist sie aber gleichwohl stets vorhanden, wie die zahlreichen Indizierungen und Verbote bis auf den heutigen Tag belegen. Nicht nur wird der Ruf nach Zensur lauter, sondern einmal mehr ist die Frage nach dem Wertewandel in der Gesellschaft, nach Toleranz, Meinungsfreiheit und dessen Grenzen virulent.

Da es auch in einer pluralistischen Demokratie keine grenzenlose Freiheit geben kann, das Wort 'Zensur' aber unrühmliche Erinnerungen z.B. an die NS-Zeit wachruft, werden die zahllosen staatlichen, halbstaatlichen und privaten Zensureingriffe in die unterschiedlichsten Medienprodukte u.a. als 'freiwillige Selbstkontrolle', 'Jugendschutz' oder 'Ehrenschutz' getarnt. Zusammen mit den Mechanismen der Selbstzensur und einer die gesamte Kulturproduktion beeinflussenden öffentlichen Meinung ergibt sich ein Geflecht von Herrschaftssicherung und Kontrolle, deren Veränderungen auf einem gesellschaftlichen Wertewandel basiert.

In Deutschland werden zensorische Eingriffe - neben unzähligen internen Kontroll- und Überwachungsgremien zum Schutz der Jugend und der öffentlichen Moral - vor allem durch zwei Institutionen ausgeübt: der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) und der BPS (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften). Erstere prüft den Inhalt eines jeden Films inkl. aller Werbematerialien vor der Premiere und verfügt die Altersfreigaben bzw. Schnittauflagen, während die BPS als weltweit einzige Behörde ihrer Art Medienobjekte 'indizieren', d.h. in eine Liste jugendgefährdender Schriften aufnehmen kann, womit diese weitreichenden Vertriebsbeschränkungen wie einem strikten Werbe- und Versandverbot sowie einem über doppelt so hohen Mehrwertsteuersatz unterliegen. Dieser ständig ergänzte Index umfaßt z.Z. alleine über 2.600 Videofilme und ca. 800 Bücher/Comics, die seit 1981 indiziert wurden. Außerdem kann jedes Amtsgericht eine Beschlagnahmung von Medien anordnen, wenn sie als "gewaltverherrlichend" oder "pornographisch" verurteilt werden. Dies führt dann zu einem bundesweiten Totalverbot auch für Erwachsene, dem derzeit über 250 Medienobjekte (Video-/Kino-Filme, Bücher, Tonträger, Computerspiele usw.) unterliegen, darunter auch die Filme "Das Böse" (Don Coscarelli), "Halloween II" (produziert von John Carpenter), "Tanz der Teufel" (Sam Raimi), "Braindead" (Peter Jackson) oder "Zombie 1&2" von George A. Romero. Einer der in diesem Zusammenhang merkwürdigsten Verbotsfälle betraf den Film "Nekromantik 2" des Berliner Regisseurs Jörg Buttgereit. 1992 wurden alle Filmkopien richterlich beschlagnahmt, 1994 jedoch ohne Schnittauflagen und FSK-Prüfung wieder freigegeben und nicht einmal indiziert. Die Klage des Produzenten Manfred O. Jelinski auf Schadenersatz wegen des zweijährigen Verdienstausfalls wurde freilich abgewiesen.

Dabei sind es nicht nur schwarze Balken, leere Seiten oder geschnittene Filme, die als konkrete Zensuropfer erkennbar sind. Viel häufiger, aber auch schlechter nachzuweisen, sind die durch eine Selbstzensur der vorauseilenden 'Schere im Kopf' verstümmelten Beispiele. Nur in seltenen Fällen - und hier vor allem im Bereich 'Comic' - wurde bekannt, wie der ursprüngliche Zustand aussah. Einen sensiblen Seismographen des Kampfes zwischen Zeitgeist und Jugendschutz bilden die zahlreichen Comics, die bei ihrem Erscheinen heftig diskutiert wurden. Heute uns so harmlos erscheinende Vertreter wie Donald Duck oder Mickey Mouse führten seinerzeit zu regelrechten Bücherverbrennungen und Diskussionen über den Untergang des Abendlandes. Das gereizte Klima schärfte die Schere im Kopf der Verlage, was gelegentlich zu solch eigentümlichen Kuriositäten führte, wie die hier gezeigten. So wurden im ohnehin schon recht idyllischen Disney-Universum für die deutsche Fassung regelmäßig 'gewalthaltige' Details wie Waffen wegretuschiert, Atombomben mutierten zu Dynamitstangen, Atomraketen zu Mondflügen und aus Uran-Transporten wurden Waggons mit Goldbarren. Ebenfalls fehlen alle im US-Original gerne verwendeten Bezüge zur NS-Zeit.

Jedes Jahrzehnt scheint seine zensurrelevanten Hauptthemen zu haben: Waren es in den 1950er Jahren vor allem die Comics, die als Hauptfeind der Kinderseele gesehen wurde, gerierten in den 'Sixties' die Themen 'Sex and Drugs' zum Horrorszenario für die Obrigkeit. Passierten die Drogen-Erfahrungsberichte von auch in bürgerlichen Kreisen anerkannten Klassikern wie Ernst Jünger, Walter Benjamin oder Aldous Huxley unbeanstandet die Zensur, so kam Underground-Literatur, wie die zahllosen Ratgeber der linken/autonomen Szene rasch auf den Index. Dort befindet sich noch bis heute beispielsweise der Klassiker der psychedelischen Bewegung, das Buch "Politik der Ekstase" vom 'LSD-Papst' Dr. Timothy Leary. Die Liberalisierung des Zeitgeistes läßt sich indes an der aktuellen Diskussion um die Freigabe von 'weichen Drogen' und die kontrollierte Abgabe in Apotheken erkennen. Ähnliche Tendenzen zur Freizügigkeit lassen sich auch für die Sexualität ausmachen, die seit der 68er-Studentenbewegung einsetzte. Was damals nur unter der Ladentheke mit sogenannten "Verpflichtungsscheinen" an Volljährige abgegeben werden durfte, war später an jedem Bahnhofskiosk zu finden. Aktuell läßt sich indes wieder ein konservativer Umschwung zur Prüderie ausmachen, wenn einige "Bravo"-Hefte oder das Aufklärungsbuch "Zeig mal" von Will McBride in die Kontroverse um Jugendschutz und Kinderpornographie geraten.

Seit den 1970er Jahren waren es vor allem politische Inhalte, die zu zensorischen Eingriffen führten. Einen besonders wolkigen Tatbestand stellt die politisch motivierte Zensur dar, die sich je nach Stimmungsklima und Großwetterlage gegen linke oder rechte Strömungen richtet. Insbesondere im Zuge des Radikalen-Erlasse in den 70er Jahren wurde die linke/autonome Gegenöffentlichkeit kritisch beäugt. Als Beispiel für z.T. langjährige Verbote sei der autobiographische Erlebnisbericht "Wie alles anfing" von Michael "Bommi" Baumann erwähnt, der Mitte der 70er Jahre zu zahllosen Razzien, Hausdurchsuchungen und Prozessen führte und erst nach einem Rechtsstreit in mehreren Instanzen vom Vorwurf der Unterstützung einer terroristischen Organisation freigesprochen wurde. Die 1980 erschienene Broschüre "Wege zu Wissen und Wohlstand - Lieber krankfeiern als gesund schuften" blieb allerdings verboten, da dieser Leitfaden zur Krankheitssimulation zu strafbaren Handlungen wie Vortäuschung falscher Tatsachen und Betrug auffordere. Noch vor kurzem wurde der Reprint des über 100 Jahre alten Klassikers "Revolutionäre Kriegswissenschaft" des Anarchisten Johannes Most indiziert.

In den 1980er Jahren waren es vor allem die neuen Medien wie Video und die ersten Computerspiele, die ins Zensurzentrum gerieten. Trash-Horrorfilme, gewalttätige Action und Sex-Streifen waren ihrer Zeit noch zu weit voraus, schließlich sollte das "gesunde Volksempfinden" erst mit Einführung der Privatsender breite Erfahrung mit derlei Inhalten machen. Aber auch der Comic-Boom blieb nicht ohne Folgen. Vor allem Erwachsenencomics wurden argwöhnisch kontrolliert und zensiert. Als bekannte Beispiele sei an den Zyklus "Morbus Gravis" des italienischen Comic-Künstlers Paolo Serpieri erinnert, den der Alpha Verlag mittels Ausbalkungen entschärfen mußte, um einer drohenden Indizierung zu entgehen. Gleichwohl geriet der kleine Verlag aus Sonneberg Ende der 90er Jahre in die Schlagzeilen, da die Polizei nicht nur eine rigide Haussuchung durchführte, sondern eine Anzeige des aktivistischen Vereins "M.U.T." (Menschen Umwelt Tiere) zu einer bundesweiten Razzia in Hunderten von Buchhandlungen führte.

Auch im Musik-Bereich wurde gerne indiziert, ausgepiept oder boykottiert. Bekannte Beispiele sind etwa Jane Birkin und Serge Gainsbourghs "Je t'aime moi non plus", deren mehrminütiges Gestöhne den Verantwortlichen zunächst als zu schlüpfrig für eine öffentliche Ausstrahlung erschien, oder Udo Jürgens harmlos-frivoler Schlager "Es wird Nacht, Senorita", der erst nach 21 Uhr gespielt werden durfte. Peter Toshs LP "Legalize it" steht bis heute auf dem Index. Besonders deutlich werden die Zensurerfolge an nachträglich verharmlosten Cover-Motiven, wie bei der LP "Country Live" von "Roxy Music", auf der statt lasziver Bikini-Girls in der 'überarbeiteten' Version nur noch die Vegetation übrigbleibt. Die Berliner Fun-Punk-Band "Die Ärzte", deren Platten früher ständig mit der Bundesprüfstelle konfligierten, ist ebenso zu nennen, wie die "Fantastischen Vier", deren "Frohes Fest" auch auf dem Index steht. Während der Song "Tötet Onkel Dittmayer" der Osnabrücker Comedy-Show "Die angefahrenen Schulkinder" vom Vorwurf der Gewaltaufforderung freigesprochen wurde, beschlagnahmte das Hannoveraner Amtsgericht 1992 deren Country-Song "I wanna make Love to Steffi Graf". Alle Platten mit diesem in mehreren Variationen aufgenommenen Stückes sind seitdem verboten, und die Gruppe mußte sogar DM 60.000 Schmerzensgeld an den Tennisstar zahlen. Verbote und eine ähnlich hohe Strafe ereilte auch das Satiremagazin "Titanic" wegen einer Coverillustration, die den damaligen Ministerpräsidenten Björn Engholm in der Badewanne von Uwe Barschel zeigt.

Solch vergleichsweise kuriose Fälle sollten aber nicht vergessen machen, daß die Äußerungsfreiheiten in der Demokratie ein stets gefährdetes Gut sind. Wenn diese Website ein Gespür für die mehr oder weniger dezenten Eingriffe bestimmter Interessengruppen in Toleranz und Freiheiten schärfen vermag, hat sie ihre Aufgabe erfüllt.

Gleichwohl stellt sich bei tatsächlichen Mißbräuchen von Freiheitsrechten, z.B. bei der unerträglichen Kinderpornographie, die Frage nach den Grenzen des Hinnehmbaren. Es stellen sich Fragen, zu deren Beantwortung diese Beiträge und die begleitenden Publikationen einige Anregungen geben möchte: Sollte wirklich jedem etwa eine Gebrauchsanleitung zum Selbstmord, zum Drogenanbau oder Bombenbasteln frei zugänglich sein? Stellt das Zeigen eines Hakenkreuzes eine nicht hinzunehmende Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates dar? Wirkt das Zeigen unbekleideter Menschen oder des Liebesaktes 'moralethisch desorientierend' auf Jugendliche? Führt mediale Gewaltdarstellung tatsächlich zur sittlichen Verrohung und Verwahrlosung der Zuschauer?

Ich möchte den sinnvollen Jugendmedienschutzgedanken nicht in Abrede stellen und meine auch, daß die Wahrung der Menschenwürde und der Schutz vor tatsächlicher Gewalt - sei sie faschistisch motiviert oder durch menschenfeindliche Ausbeutung entstanden - in manchen Fällen eine Rechtfertigung für Zensur und Verbote darstellt. Repressionen fiktiver, virtueller Gewalt- und Sexualitätsphantasien sollten allerdings gerade im Rahmen von Werken der literarischen, filmischen oder bildenden Kunst kritisch beurteilt werden, nicht zuletzt, da Verbote stets die gegenteilige Wirkung entfalten und Kommunikationstabus der Menschheit noch nie weitergeholfen haben. Im Gegenteil löst die Faszination des Verbotenen raffinierte Umgehungsstrategien hervor, die den verfolgten Medien erst dadurch ein Interesse bescheren, daß ihnen in qualitativer Hinsicht zumeist kaum zusteht und auch sonst vermutlich nicht zuteil geworden wäre.

Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen der Beiträge.

Dr. phil. Roland Seim M.A. (Kunsthistoriker und Soziologe)
Kolja Steinrötter

Institut für Soziologie der Universität Münster


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Roland Seim

"What makes Censorship so fascinating?

Mundane behavior in the treatment of banned material"
Article for the "Journal of Mundane Behavior" California State University-Fullerton

 
 

 
 
 

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